|
Der Aufbau dieser Bildsammlung erfolgte 2008-2012 im Rahmen eines Forschungsunternehmens, das die Brandgefahr, insbesondere hinsichtlich | mehrDer Aufbau dieser Bildsammlung erfolgte 2008-2012 im Rahmen eines Forschungsunternehmens, das die Brandgefahr, insbesondere hinsichtlich der Stadtbrände der Vormoderne zum Gegenstand hatte. Stadtbrände waren – neben Überschwemmungen in wassernahen Städten und Orten – die größte alltägliche Katastrophe, der die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen ausgesetzt waren. Der Stadtbrand vernichtete oft die gesamte Stadt, zuweilen nur größere Teile, und zerstörte auf diese Weise den Sicherheitsraum, als der sonst die Stadt für seine Einwohner im Prozess der mittelalterlichen Kommunalisierung entstanden war. Die Mauern, hinter denen sonst Sicherheit und Frieden herrschte, grenzten nun einen vormodernen ‚ground zero‘ der absoluten Zerstörung und Unwirtlichkeit vom Fluchtraum der umgebenden Landschaft ab. Eine zentrale Fragestellung des Projektes war, wie sich die Wahrnehmung dieser Großgefahr wandelte – vorgängig zu oder im Zuge der gleichzeitigen Anpassung der institutionellen Dispositive der Sicherheitsproduktion, von Feuerpolicey und Feuerversicherungen. Diese Frage wurde gerade auch jenseits nur von textueller Wahrnehmungsformen auch auf die Darstellung von Großbränden im Bild ausgeweitet, da hier bei stichprobenhafter Untersuchung einige interessante und kontraintuitive Entwicklungen und Besonderheiten auffielen, die es lohnenswert erscheinen ließen, einen Überblick über die Abbildungstradition in der longue durée zu erhalten, der auch quantitativ-seriell einigermaßen repräsentativ sein sollte. Daher erfolgte der erwähnte Aufbau einer Bildsammlung parallel zum Aufbau einer Datenbank, die überhaupt die großen Stadtbrände im deutschen Sprachraum (Deutschland und Österreich) zwischen 1000 und 1939 erfasst. [Im Rahmen des DFG-Projekts ‚Risikozähmung in der Vormoderne‘. Dies war zunächst ein Teilprojekt des Münchner SFB 573 ‚Pluralisierung & Autorität‘, wurde dann als Einzelprojekt weitergefördert.] Die Stadtbrände-Datenbank ging zunächst von den Stadtbrand-Nennungen aus, die in den seit 1939 herausgegebenen ‚Städtebüchern‘ in einer jeweils eigenen Rubrik (Nr. 5) stehen. Die so ermittelten Anfangsergebnisse wurden durch weitere lokalhistorische Untersuchungen ergänzt, 8200 Großbrände verteilten sich schließlich auf 1964 von den 2945 Städten, die in den Städtebüchern erfasst sind. Hierunter fallen alle Städte, die bis 1939 zumindest zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte das Stadtrecht verliehen erhalten hatten, erfasst sind also freilich sehr viele Klein- und Kleinststädte, wie es dem mitteleuropäischen Kommunalisierungsparadigma entsprach. Die Hochphase des Stadtbrandaufkommens liegt zwischen 1370 und 1870, in Relation zur steigenden Stadtbevölkerungszahl wird an sich schon ab 1700 ein Rückgang der Brandgefahr spürbar. Eine klare Definition, was ein ‚großer‘ Brand ist, liegt der Vorselektion der ‚Städtebücher‘ nicht zugrunde, aber eine Rückberechnung ergibt etwa eine Gauß’sche Verteilung von 10-15 Häusern bei einer durchschnittlichen Stadtgröße von 280 Häusern; durchschnittlich waren es 96 Häuser pro erfasstem Brand, es gab aber auch 11 Großbrände, bei der mehr als 700 Häuser abbrannten. Es wurde dann nach Abbildungen der Stadtbrände geforscht, indem in allen Städten, für die ein Brand in der Datenbank verzeichnet war, die Kultureinrichtungen (Archive, Bibliotheken, auch lokale Geschichtevereine oder –forscher) systematisch angeschrieben wurden. Der Hauptakzent lag dabei immer auf der Vormoderne, es wurden aber bei entsprechender Rückmeldung auch Bilder aus dem 19. und 20. Jh. bis 1939 aufgenommen. Bilder der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die ggf. durch Brandbomben verursacht worden wären, wurden nicht aufgenommen, da sie die Proportionen verzerrt hätten. Insgesamt liegen 529 Bilder vor, datiert sind 385. Hiervon entfallen knapp 45% auf die Zeit bis 1800, knapp 55% auf die Zeit vom 19. Jh. bis 1939. Ein Großteil der undatierten Abbildungen fällt wiederum in die Zeit vor 1800. An Abbildungstypen sind Gemälde, Lithographien/Drucke, Holz- und Kupferstiche, Aquarelle und Zeichnungen, Situations- und Brandpläne erfasst, auch einige Wandfresken, Schützenscheiben und Gedenkmünzen. Unter den Ölgemälden sind etliche Votivbilder, insgesamt 47 bis 1849, die so Zeugnis von der typischen Visualisierungsform des Gedenkens zeugen. Von vor 1600 sind fast nur Stiche erfasst, keine Gemälde, der quantitativ deutlich zu Buche schlagende take-off von Stadtbrand-Darstellungen sowohl in Stichen wie in Gemälden ist erst ab der Mitte des 17. Jhs. anzusetzen. Photographien finden sich ab 1857 in dann rasch ansteigender Zahl. Grundsätzlich sind mittelalterliche Abbildungen von Bränden ‚realer‘ Städte sehr selten und tauchen meist nur in Chroniken auf. Um 1600 wird dann zunächst in der niederländischen Malerei der Bildtypus ‚brennende Stadtlandschaft‘ als Subtyp des neuen Landschaftsgenres geschaffen. Zunächst finden sich viele biblische oder historisch-antike Brände (Sodom, Gomorrha, Neros Rom) als Abbildungsgegenstand (Keuninck u.a.), diese sind in unserer Suche nicht aufgenommen worden. Ab der Mitte des 17. Jhs. findet sich dann aber dieser Ölbildtypus auch angewandt auf zeitgenössische ‚echte‘ Brände. Im Flugblatt (Kupferstich, Holzstich) wird schon früher die Ikonographie der brennenden Stadt in einer emotionalisierten und temporalisierten Form ausgebaut und vorangetrieben. Verschiedene Formen der Katastrophenbilder differenzieren sich jetzt aus. Das Genre flottiert zwischen ‚Volks‘- und Gebrauchskunst, etwa im Votivbildbereich oder bei den Schützenscheiben als den klassischen Visualisierungsformen im Bereich der Gilden und Zünfte. Die Deckenfresken in den jeweiligen Stadtkirchen, und die höhere Ebene kunstvollerer Kupferstiche und Ölbilder, zeigen hier ein Katastrophen-Bildgedächtnis, das offenbar erst in der Neuzeit langsam seine Formensprache findet. Funktional dienten die Stiche oft auch für den Kollektensammelprozess oder zur Pflege des urbanen kollektiven Gedächtnisses, später erfolgte oft eine zentrale Aufhängung in der Stadtkirche, dem Rathaus oder später in Stadtmuseen. Die kunsthistorische Untersuchung der Geschichte des Katastrophenbild im Allgemeinen wie des (Stadt-)Brandbilds im Speziellen steckt erst in den Anfängen. In der unten genannten Monographie (‚Der gezähmte Prometheus‘) wurde der Versuch einer ersten entwicklungshistorischen Linienführung gemacht, hier bedarf es aber sicher noch dezidiert kunsthistorischer Vertiefung. Die Bildsammlung wird für eine solche Forschung, die an die Fragen der der Katastrophenbild-Formung anknüpft, hier zu Verfügung gestellt. Unser besonderer Dank gilt den wissenschaftlichen Hilfskräften Anne Meißner und Max Ammareller, die maßgeblich am Aufbau der Datenbank beteiligt waren. Für Rückfragen steht der Projektleiter stets zu Verfügung (cornel.zwierlein@rub.de / zwierlein@gmx.de).
Literaturhinweise:
Vera Fionie Koppenleitner / Hole Rößler / Michael Thimann (Hg.): Urbs incensa. Ästhetische Transformationen der brennenden Stadt in der Frühen Neuzeit, München: Deutscher Kunstverlag 2011 (= Italienische Forschungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, Max-Planck-Institut, I Mandorli, Bd. 10). Luigi Lorenzetti / Vanessa Giannò (Hg.): Al fuoco! Usi, rischi e rappresentazioni dell’incendio dal Medioevo al XX secolo. Atti del convegno del Laboratorio di storia degli Alpi, Lugano/Mailand 2010. Greg Bankoff / Jordan Sand / Uwe Lübken (Hg.): Flammable Cities. Urban Conflagration and the Making of the Modern World, Madison: University of Wisconsin Press 2012. | weniger
529 Bilder mit Bezug zu Umweltgeschichte | mehr 529 Bilder mit Bezug zu Umweltgeschichte
Forschungsdatenbank | Bochum (Deutschland) | Institution: DFG Forschungsprojekt 'Risikozähmung in der Frühen Neuzeit' - Zwierlein, Umweltgeschichte
| weniger
|



